Sind Süßstoffe ungesund?

29.März 2026 | Ballast-Abwurf, Empfohlen, Genuss, Gesundheit! | 2 Kommentare

Ehrlich gesagt will ich diesen Artikel schon seit längerem schreiben, drücke mich aber immer wieder davor. Das hat damit zu tun, dass meine Recherche ziemlich widersprüchliche Ergebnisse zutage gefördert hat. Hinzu kommt, dass ganz viele – um nicht zu sagen die meisten – Aussagen meinen persönlichen Erfahrungen komplett widersprechen.

Dieses Chaos zu durchdringen ist mir wirklich schwergefallen, denn ich würde mich zwar als sehr interessiert bezeichnen, allerdings bin ich (leider) kein Wissenschaftler und mir fehlt auch (leider) ein naturwissenschaftliches Studium. Da ist es ganz schön schwer, Studienergebnisse oder generell die Studien zu bewerten, diese erst mal überhaupt zu finden und Zugang dazu zu erlangen und das Ganze dann auch noch fundiert einzuordnen.

Irgendeinen Blödsinn oder eine „gefühlte Wahrheit“ hier aufzuschreiben wollte ich aber nicht.

Dankenswerterweise kamen mir die großartige Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und ihr Team zur Hilfe, indem sie eine Sendung (bzw. eine Fernsehsendung und ein YouTube-Video) zu diesem Thema genau dann veröffentlicht haben, als ich mich wieder mal an die Recherche setzen wollte. Das hat mir wirklich sehr geholfen durchzublicken und auch weitere Nachforschungen anzustellen. Die Videos findet ihr am Ende des Artikels.

 

Warum beschäftige ich mich überhaupt mit diesem Thema?

Diese Frage stellen sich wahrscheinlich überwiegend Leute, die mich nicht kennen. Denn wer mich kennt, weiß, dass ich meinen (sehr hohen) Flüssigkeitsbedarf fast ausschließlich mit süßen Getränken decke. Hauptsächlich ist das Cola Light oder Zero, Getränkepulver der Firma Bolero und Tee mit jeder Menge Süßstoff. Pures Wasser trinke ich in etwa so oft wie Alkohol, also quasi nie. Nur meinen Kaffee trinke ich schon immer ungesüßt.

Das ist offenbar so auffällig, dass mich immer wieder Leute wohlmeinend darauf ansprechen und mir sagen, dass das aber nicht gesund sei und dass ich mehr (oder nur noch) Wasser trinken sollte.

Im anschließenden Gespräch – ehrlicherweise endet es meist in einer Diskussion – werden dann von beiden Seiten eine Menge Halbwahrheiten, „Hab-ich-gehört“- und „Das-weiß-man-doch“-Fakten ausgetauscht.
Wie groß die allgemeine Verunsicherung ist, zeigen vielleicht auch die ersten Suchvorschläge die man bekommt, wenn man bei Google den Begriff „Süßstoffe“ eingibt:

Google Suchvorschläge

 

Das war ich leid, und darum wollte ich es wieder einmal etwas genauer wissen. Dieser Artikel ist das Ergebnis und hat zumindest mich sehr erhellt, und vielleicht kann ja der eine oder andere auch etwas daraus erfahren, was er noch nicht wusste.

 

Zuerst ein paar Grundlagen

Meistens wird im Zusammenhang mit diesem Thema über „Süßstoff(e)“ gesprochen. Da fangen die Ungenauigkeiten aber schon an. Richtigerweise müsste man sich über Süßungsmittel unterhalten. Diese teilen sich in zwei große Gruppen auf und diese Gruppen wiederum in sehr viele verschiedene Stoffe. Allgemein vom Süßstoff zu sprechen, ist also meistens Blödsinn oder zumindest sehr ungenau, denn die Stoffe unterscheiden sich in ihrer Art und ihren Eigenschaften sehr stark. Die „Panik“ ist aber bei allen gleich.

Wir wollen aber sachlich bleiben und unterscheiden erst mal die verschiedenen Gruppen. Unter der jeweiligen Gruppe seht ihr ein paar Beispiele (es gibt noch einige mehr).

Die grobe Einteilung der Süßungsmittel

 

Alle diese Stoffe schmecken süß. Unserem Geschmackssinn ist es nämlich völlig egal, ob der süße Stoff in der Natur vorkommt, im Labor hergestellt wurde oder wie er chemisch genau aufgebaut ist. Für ihn (unseren Geschmackssinn) zählt nur eins: ob der Stoff an die Rezeptoren andocken kann, die dem Hirn melden „schmeckt süß“ – und das können all diese Kandidaten hier, so unterschiedlich sie auch sein mögen.

Bei den Zuckeraustauschstoffen handelt es sich chemisch gesehen um Zuckeralkohole (nein, die machen nicht besoffen). Sie haben die Eigenschaft, dass der Körper sie sehr schlecht verwerten kann und sie daher fast gänzlich wieder ausgeschieden werden. Das ist der Grund, warum sie wenig Kalorien haben und auch den Blutzuckerspiegel nur wenig ansteigen lassen. Sie haben aber noch eine Eigenschaft: Bei übermäßigem Verzehr können sie zu Durchfall führen. Aus diesem Grund sind sie nicht für Getränke zugelassen, denn bei Getränken nimmt man leicht große Mengen auf (siehe mich als Beispiel). Das könnte dann unschöne Folgen haben. Jedenfalls für Menschen. Bei Hunden können die Folgen deutlich dramatischer sein.

Insbesondere Xylit (Birkenzucker) ist für Hunde tödlich! Es führt zu einer massiven, schnellen Insulinausschüttung, die sehr schnell (das kann binnen Minuten sein!) zu einem lebensbedrohlichen Unterzucker (Hypoglykämie) führt. Außerdem führt es zu schweren Leberschäden. Das ist für mich Grund genug, dass dieses Zeug in meinem Haushalt niemals vorkommt. Aber Achtung: Es ist oft in Lebensmitteln verarbeitet (Kaugummis, Backwaren etc.). Bei Verdacht auf Aufnahme von Xylit durch einen Hund: sofort zum Tierarzt. Absoluter Notfall!

Erythrit ist hingegen unbedenklich. Füttern würde ich es trotzdem nicht, aber es zeigt noch mal, wie unsinnig eine Debatte ist, die allgemein von Süßstoffen spricht.

Fast alle Studien zu diesem Thema untersuchen die Auswirkungen von gesüßten Getränken. Da die Zuckeraustauschstoffe für Getränke nicht zugelassen sind, spielen sie auch bei unserer weiteren Betrachtung keine große Rolle mehr. Zudem geht es ja auch mir persönlich hauptsächlich um süße Getränke.

 

Apropos Studien: Auch dazu muss ich noch für die Nichtwissenschaftler unter uns etwas erläutern.

Will man etwas untersuchen (z. B. welche Auswirkung süße Getränke auf die Gesundheit haben), kommen zwei unterschiedliche Arten von Studien in Betracht: Interventionsstudien oder Kohortenstudien. Ähm … und das bedeutet was?

 

Interventionsstudie:

Hierbei handelt es sich um eine Untersuchung, bei der die Forschenden aktiv eingreifen und die unter sehr kontrollierten Bedingungen stattfindet.

In unserem Beispiel: Eine Gruppe trinkt Limo mit Zucker, die andere Gruppe Limo mit Süßstoff. Es ist eine Doppelblindstudie, was bedeutet, dass niemand weiß, wer was trinkt – weder die Testpersonen noch der Tester. Klar ist, dass man das nur über einen sehr begrenzten Zeitraum mit einer sehr begrenzten Anzahl von Menschen machen kann, da sie ja auch während der Studie nicht zurück in ihren Alltag können (da würden sie sich ja evtl. wieder anders verhalten und damit das Ergebnis verfälschen).

Vorteile: sehr aussagekräftig, sehr genau

Nachteile: zeitlich begrenzt, weit weg vom normalen Alltag

 

Kohortenstudie:

Hier wird nicht eingegriffen, sondern nur beobachtet (z. B. Menschen in ihrem Alltag).

In unserem Beispiel: Man beobachtet/befragt sehr viele Menschen über einen sehr langen Zeitraum (oft Jahre und Jahrzehnte). Dann kann man sich anschauen, ob Menschen, die viele Getränke mit Süßstoff zu sich nehmen, nach Jahren häufiger krank werden als Menschen, die solche Getränke meiden. Oder wird die eine oder die andere Gruppe im Schnitt dicker oder dünner usw.

Vorteile: nah am echten Leben, viele Testpersonen möglich, sehr lange Zeiträume möglich

Nachteile: viele Störfaktoren, keine eindeutige Zuordnung der Ursache

 

Ich hoffe, auch anhand dieser sehr knappen Erklärung erschließt sich, warum es sich bei unserem Thema fast ausschließlich um Kohortenstudien handelt. Alles andere ist einfach extrem schwierig bzw. unmöglich durchzuführen.

Man muss dann noch zwischen der Qualität der Studien unterscheiden. So gibt es zum Beispiel Studien, die einen Zustand am Anfang und am Ende der Studie abfragen, prüfen oder feststellen. Wesentlich besser und aussagekräftiger ist es natürlich, wenn mehrfach während der Studie geguckt wird. So kann man dann auch evtl. Entwicklungen feststellen usw.

Dann kann man sich aus dem großen Berg von Studien qualitativ sehr hochwertige aussuchen und diese dann miteinander vergleichen. Man spricht dann von einer Metaanalyse.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Zu so was bin ich aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage und überlasse das den Leuten, die das gelernt haben und können.

Puh, das war jetzt doch viel Theorie … Aber jetzt zu ganz konkreten Fragen!

 

Typische Aussagen genauer beleuchtet

Jetzt gucken wir uns mal ein paar sehr typische Aussagen und Annahmen an, die in Diskussionen immer wieder auftauchen. Das gilt sowohl für Gespräche im privaten Bereich wie auch für YouTube-Videos, Zeitungsartikel, Talkshows u.v.m.
Schauen wir mal, ob wir diese Dinge anhand der aktuellen Datenlage und auch meiner ganz persönlichen Erfahrung bestätigen oder widerlegen können.

 

➜ „Süßstoffe verursachen Heißhunger!“

Ich glaube, keine andere These wurde mir in Diskussionen so oft um die Ohren gehauen wie diese. Es ist doch völlig klar! Man trinkt etwas Süßes ohne Kalorien, der Körper denkt „da kommt Nahrung (Zucker)!“, dann kommt aber nix und schon hat man verstärkt Hunger, um den Mangel auszugleichen bzw. das Gleichgewicht wiederherzustellen. So entsteht Heißhunger!

Super Theorie, aber leider (oder besser: zum Glück!) völlig falsch. Das Ganze wäre wahrscheinlich so, wenn die Light-Getränke den Blutzuckerspiegel erhöhen würden, die Insulinausschüttung angekurbelt würde usw. Dem ist aber nicht so. Es lässt sich sehr leicht messen und nachweisen, dass diese Art von Süße keinen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel etc. hat.

Für mich selbst weiß ich das schon lange und habe auch immer so argumentiert, aber bislang fehlte mir sozusagen die wissenschaftliche Begründung bzw. der Beweis. Aber hier ist er ja nun. Bitteschön!

Aber es geht sogar noch weiter, und auch diesen Effekt glaubte ich bei mir festgestellt zu haben. Nämlich den, dass süße, aber kalorienfreie Getränke mir dabei helfen, meine Lust auf Süßes zu verringern. Auch dazu gibt es konkrete Studien. Dabei handelt es sich um Interventionsstudien (also die genau kontrollierten und sehr aussagekräftigen).

Folgendes hat man gemacht:

Die Testpersonen haben entweder würzige Snacks (z. B. Kartoffelchips) oder Süßigkeiten (z. B. Schokolade) bekommen. Danach haben sie entweder Wasser oder süße Light-Getränke getrunken. Danach hat man geschaut, wie viel Lust sie hatten, weiterzuessen bzw. wie viel sie von der gleichen Sache (Chips oder Schokolade) noch gegessen haben.

Das Ergebnis: Hatten die Personen Würziges gegessen, war es völlig egal, ob sie nach der ersten Portion Wasser oder Light-Getränke bekommen haben. Bei den Süßigkeiten sah das aber anders aus. Da war es so, dass die Personen, die nach der ersten Portion Schokolade Light-Getränke bekamen, von der zweiten Portion Schokolade deutlich weniger gegessen haben als die Personen, die in der „Pause“ Wasser tranken. Das zeigt, dass süße Light-Getränke dabei helfen können, das „Süß-Craving“ (also die Lust auf Süßes) zu verringern.

Es gibt noch eine weitere Studie, die ich sehr interessant finde. Da hat man Folgendes gemacht:

Es gab drei Gruppen von Testpersonen. Die Personen der ersten Gruppe tranken vor dem Essen Wasser und konnten dann so viel essen, wie sie wollten bzw. bis sie satt waren. Die zweite Gruppe erhielt vor dem Essen zuckerhaltige Getränke und die dritte Gruppe Getränke mit Süßstoffen, sonst war alles gleich wie bei der ersten Gruppe.

Das Ergebnis seht ihr hier in der Grafik zusammengefasst:

Grafische Zusammenfassung der Studienergebnisse

 

Das Ergebnis zeigt, dass die Personen der zweiten Gruppe etwas weniger Nahrung zu sich genommen haben als die Personen in der Kontrollgruppe (erste Gruppe), da der Zucker in den Getränken einen leicht sättigenden Effekt hat. Die Personen, die Light-Getränke getrunken hatten, nahmen im Schnitt genauso viel Nahrung zu sich wie die in der Kontrollgruppe.

Aber: Die Gesamtmenge an Kalorien war bei der zweiten Gruppe am höchsten, da die geringere Menge an Nahrung die Kalorien, die durch das Zuckergetränk aufgenommen wurden, nicht ausgeglichen hat.

 

➜ „Süßstoffe helfen beim Abnehmen!“

Der einfache Gedanke dahinter ist, dass Menschen, die Zucker durch Süßstoffe ersetzen, Kalorien sparen und dadurch abnehmen oder zumindest nicht weiter zunehmen. Genau dieser Effekt konnte in Interventionsstudien auch bestätigt werden.

Aber wir haben ja gelernt, dass Interventionsstudien zwar sehr genau sind, aber auch ihre Nachteile haben. Hier kommen zwei dieser Nachteile zum Tragen: Erstens kann die Studiendauer nur recht kurz sein, denn man kann ja Menschen nicht wie Versuchstiere (und das ist schon schlimm genug!) monatelang unter Laborbedingungen leben lassen. Zweitens sind diese Laborbedingungen ziemlich weit vom Alltag der meisten Menschen entfernt.

Hier können also die Kohortenstudien ihre Stärken ausspielen. Man hat also über lange Zeit viele Menschen „beobachtet“ und kam zu folgendem Ergebnis: Menschen, die viel Süßstoff konsumieren, leiden häufiger an Übergewicht.

Aha! Also doch! Aber hatte ich im vorherigen Abschnitt nicht das ziemliche Gegenteil behauptet? Da lag ich dann wohl doch falsch, oder wie?

Hier muss ich einen kleinen Einschub machen.

Dieses Beispiel zeigt zum einen hervorragend das Phänomen der „umgekehrten Kausalität“ und auch, wie die Berichterstattung im Internet, bei RTL oder der BILD-Zeitung ganz oft aussieht. Man sieht in der Studie (wissenschaftlich!!), dass Leute, die viel Süßstoff konsumieren, oft dick sind. Schlussfolgerung: Süßstoffe machen dick! Was auch sonst?

Leider ist die Wirklichkeit meistens etwas komplexer, als die o. g. Medien uns vorgaukeln wollen. Schaut man nämlich etwas genauer hin – und auch das hat man in Studien getan – zeigt sich, dass Menschen, die ein Problem mit Übergewicht haben, viel häufiger zu Lebensmitteln mit Süßstoffen greifen (um Kalorien zu sparen), als Menschen, die eine optimale Figur haben. Es scheint also eher so zu sein, dass Dicke häufiger Light-Produkte verwenden, als dass Light-Produkte dick machen.

Umgangssprachlich könnte man es so formulieren: „Was war zuerst da? Henne oder Ei?“

Genau darin liegt, wie eingangs schon erklärt, die Schwäche von Kohortenstudien. Man kann eben nicht eindeutig sagen, dass so was von so was kommt, also welche Ursache ein beobachteter Effekt genau hat.

Ableiten kann man also aus dem Ganzen: Süßstoffe können beim Abnehmen helfen, sind aber (übrigens genau wie die „Abnehmspritze“) kein Wundermittel. Sie können aber helfen, Kalorien einzusparen, und das kann beim Abnehmen zweifelsfrei helfen.

 

➜ „Durch Süßstoffe gewöhnen wir uns an den süßen Geschmack!“

Auch für diese These bin ich der lebende Beweis. Wer schon einmal – aus Versehen oder mit Absicht – einen Schluck aus der Flasche mit meinem selbstgemischten Eistee oder meiner Tasse Tee (beides mit Süßstoff, versteht sich) genommen hat, weiß, wovon ich rede. Was Getränke angeht, kann es mir gar nicht süß genug sein.

Diesen Effekt bestätigt auch die Wissenschaft. Reduziert man die Aufnahme von Süßem (egal, ob Zucker oder Süßungsmittel), wird man empfindsamer gegenüber allem, was süß schmeckt. Sogar Lebensmittel mit verhältnismäßig wenig Zucker (z. B. Milch) schmecken dann plötzlich richtig süß.

Umgekehrt ist es im Prinzip wie bei einem Junkie: Die Dosis muss immer weiter erhöht werden, um den gleichen Effekt zu erzielen. Das ist natürlich nicht so schön.

Blöd ist auch, dass der Effekt der Entwöhnung nicht lange anhält und auch nur begrenzte Wirkung hat.

Auch hier helfen wieder Studien: Die haben gezeigt, dass Personen, die wenig oder gar keine Süße zu sich genommen haben und deren „Süß-Empfinden“ dadurch deutlich gesteigert wurde, bei einem bereitgestellten Buffet genauso bei den Süßspeisen zugelangt haben wie alle anderen.

Süße generell zu reduzieren, wäre sicher das Gesündeste. Allerdings darf und muss dann jeder für sich die Frage beantworten, ob er das überhaupt möchte oder nicht.

Rauchen ist ja auch sehr schädlich, und wer es aufgibt, tut viel Gutes für seine Gesundheit. Mir bereiten aber zum Beispiel meine Pfeifen eine so große Freude und einen so großen Genuss, dass ich das gar nicht aufgeben will (ob ich es könnte, steht dann noch mal auf einem anderen Blatt). Aber bevor es zu philosophisch wird: Wenn schon süß, dann besser ohne Zucker.

 

➜ „Süßstoffe machen krank!“

Die sehr pauschale Aussage wird häufig noch mit mehreren Beispielen „belegt“. So sollen sie zum Beispiel allgemein die Darmflora zerstören, Xylit und Erythrit steigern das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Aspartam gilt ja jetzt sogar offiziell als krebserregend.

Vielleicht seid ihr ja auch schon mal über solche „Fakten“ gestolpert. Wenn man sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, stolpert man jedenfalls ständig darüber.

Damit dieser Artikel nicht viel zu lang wird, gehe ich nur kurz auf die ersten beiden Beispiele ein. Mit der Einstufung von Aspartam beschäftige ich mich dann noch etwas ausführlicher.

Rund um Süßstoffe kursieren zahlreiche Diskussionen über das Darmmikrobiom, mögliche Effekte auf Glukosetoleranz oder subtile Veränderungen im Stoffwechsel. Das Thema ist wissenschaftlich spannend, aber genau deshalb ungeeignet für vorschnelle Gewissheiten.

Es gibt Hinweise und einzelne Studien, die mögliche Effekte beschreiben. Daraus kann man aber nicht automatisch einen klaren gesundheitlichen Schaden im Alltag ableiten. Die Forschungslage ist je nach Stoff, Dosis, Studiendesign und untersuchter Personengruppe uneinheitlich.

So konnte zum Beispiel in Tierversuchen mit Mäusen gezeigt werden, dass Süßungsmittel einen Effekt auf die Glukosetoleranz haben können. Die kann nämlich gesenkt werden, was ein Schritt Richtung Diabetes ist.

Dazu muss man aber zwei Dinge wissen: Erstens haben die Mäuse absurde Mengen (im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht) verschiedener Süßungsmittel fressen müssen. Deutlich mehr, als ein Mensch – jedenfalls unter normalen Umständen – zu sich nehmen würde. Zweitens lassen sich Ergebnisse aus Tierversuchen nicht 1:1 auf den Menschen übertragen. Denn was viele nicht wissen: Menschen sind keine Mäuse.

Wer hier so tut, als sei alles längst glasklar, verkauft eher Meinung als Erkenntnis. Die seriöse Antwort lautet im Moment oft: interessant, relevant, weiter beobachten – aber bitte nicht so tun, als sei jede Hypothese bereits ein belastbarer Freispruch oder Schuldspruch.

Mit dem gesteigerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Genuss von Xylit und Erythrit habe ich mich nicht weiter beschäftigt und kann daher auch nichts dazu sagen. Mir persönlich ist das ziemlich egal, da beide Stoffe für Getränke nicht zugelassen sind (siehe weiter oben) und Xylit mir sowieso nicht in die Tüte oder den Haushalt kommt (siehe ebenfalls weiter oben).

Der Sache mit dem Aspartam hingegen will ich ein eigenes Kapitel widmen.

 

Aspartam jetzt „offiziell“ krebserregend?

Bevor wir loslegen, hier noch eine Infobox in der die ganzen Abkürzungen der Organisationen kurz erläutert werden:

Was bedeuten die ganzen Abkürzungen?

IARC: International Agency for Research on Cancer. Die Krebsforschungsagentur der WHO.

WHO: World Health Organization (WeltgesundheitsOrganisation). Eine UN-Sonderorganisation.

UN: Unitet Nations (Vereine Nationen)

FAO: Food and Agriculture Organization of the United Nations. Eine Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen.

JECFA: Joint FAO/WHO Expert Committee on Food Additives. Der Gemeinsame FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe.

EFSA: European Food Safety Authority. Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit.

 

Die IARC hat Aspartam im Jahr 2023 in die Gruppe 2B eingestuft. Das bedeutet „möglicherweise krebserregend“.

So! Damit ist dann wohl endgültig klar, dass das Zeug giftig ist! Offizieller und eindeutiger geht es ja kaum!

Jedenfalls kann man schnell diesen Eindruck gewinnen, wenn man sich die Berichterstattung darüber ansieht. Leider muss man auch hier – wie fast überall – etwas genauer hinsehen, um es wirklich zu verstehen.

Entscheidend ist das Wort möglicherweise. Noch entscheidender ist aber etwas anderes: Diese Einstufung ist eine Gefahrenklassifikation.

Sie beantwortet die Frage, ob ein Stoff grundsätzlich das Potenzial haben könnte, unter bestimmten Bedingungen Krebs zu begünstigen. Sie beantwortet nicht die Alltagsfrage, wie groß das konkrete Risiko bei normaler Aufnahme tatsächlich ist.

Genau hier liegt der Denkfehler, den das Internet besonders liebt: Gefahr und Risiko werden munter verwechselt. Eine Gefahr zu identifizieren ist der erste Schritt. Die praktische Risikoabschätzung fragt dann: In welcher Menge? Unter welchen Bedingungen? Bei welcher realistischen Aufnahme? Und genau bei dieser Risikoabschätzung kommt ein sehr viel unspektakuläreres Bild heraus.

Parallel zur IARC-Bewertung hat das zuständige FAO/WHO-Expertengremium JECFA die akzeptable tägliche Aufnahmemenge für Aspartam bei 40 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bestätigt. Die WHO erläuterte dazu sogar ein alltagstaugliches Beispiel: Ein Erwachsener mit 70 Kilogramm Körpergewicht müsste – je nach Aspartamgehalt – mehr als 9 bis 14 Dosen eines Diät-Erfrischungsgetränks pro Tag konsumieren, um diese Grenze zu überschreiten. Das ist keine Einladung zum Kistenstapeln, aber es ist eben auch keine Bestätigung der üblichen Panik.

Auch die EFSA hält an ihrer Einschätzung fest, dass Aspartam innerhalb der festgelegten Aufnahmemengen für die allgemeine Bevölkerung als sicher gilt. Die Verbraucherexposition wird dabei nach Angaben der EFSA im Regelfall als deutlich unterhalb dieses Grenzwertes eingeschätzt.

Mit anderen Worten: Die apokalyptische Kurzfassung „Aspartam verursacht Krebs“ wird weder der IARC-Einstufung noch der Risikoabwägung von JECFA und EFSA gerecht.

Die Krebs-Einordnung wird online oft so behandelt, als stünde damit automatisch fest, dass jeder Konsum ein relevantes Krebsrisiko darstellt. Genau das folgt daraus aber nicht.

Das Deutsche Krebsforschungszentrum erklärt sehr klar: Die Einstufung bedeutet nicht automatisch, dass Verbraucher bei üblichen Aufnahmemengen ein realistisches Krebsrisiko haben. Sie sagt zunächst nur etwas darüber aus, wie stark die vorhandene Evidenz ein grundsätzliches Gefahrenpotenzial stützt.

Das klingt vielleicht kleinlich, ist aber entscheidend. Sonst landet man sehr schnell bei genau jener Art Alarmismus, die Gesundheitskommunikation unbrauchbar macht. Aus einer vorsichtigen wissenschaftlichen Einordnung wird dann im Netz ein Endurteil. Und aus „möglicherweise“ wird in der Überschrift plötzlich „bewiesen“.

Hinzu kommt: Selbst die IARC stützte ihre Bewertung auf begrenzte Evidenz bei Menschen, begrenzte Evidenz bei Versuchstieren und begrenzte mechanistische Hinweise. Genau deshalb heißt die Einstufung eben nicht „krebserregend“, sondern „möglicherweise krebserregend“. Das ist keine Haarspalterei. Das ist die eigentliche Aussage.

 

Fazit

So, jetzt habe ich mich ja doch recht ausführlich mit dem Thema Süßstoffe beschäftigt – und du auch, wenn du bis hierhin gelesen hast. 😉

 

Aber was schließe ich jetzt daraus?

➜ Wasser bleibt die langweilige, aber hervorragende Referenz. Wer sich von sehr süßen Getränken entwöhnt, tut am meisten für seine physische Gesundheit. Ob man mit Verzicht und Askese glücklich wird, muss jeder für sich selbst herausfinden.

➜ Wenn die reale Alternative Zucker ist, können Süßstoffe beim Kaloriensparen sinnvoll sein. Gerade in Getränken ist der Unterschied praktisch relevant, weil Zucker dort schnell in großen Mengen zusammenkommt.

➜ Light-Produkte sind keine Gesundheitsheiligsprechung. Eine insgesamt schlechte Ernährung wird nicht automatisch gesund, nur weil an einer Stelle plötzlich „Zero“ draufsteht.

➜ Nicht jede Online-Warnung ist wertlos, aber fast jede braucht Kontext. Wer sich zu Ernährungsthemen informiert, sollte sehr genau hinschauen, ob gerade aus Zellversuchen, Tierdaten, Beobachtungsstudien oder tatsächlich aus guten randomisierten Studien argumentiert wird. Das macht einen gewaltigen Unterschied.

➜ Man darf Ernährung auch ohne ideologischen Furor betrachten. Es muss nicht immer gleich die große Reinheitsreligion sein. Man kann nüchtern feststellen, dass Zucker gesundheitlich gut dokumentierte Nachteile hat – und dass Süßstoffe, bei allen offenen Fragen, in vielen Alltagssituationen die bessere Wahl sein können.

 

Und was leite ich für mich ganz persönlich daraus ab?

Ich werde nichts Grundlegendes an meinem Süßstoffkonsum ändern. Die letzten 35 Jahre habe ich unbeschadet überstanden, dann wird das mit dem Rest auch noch klappen – und wenn nicht, liegt’s wahrscheinlich nicht am Süßstoff.

Wie immer denke ich, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss. Meiner wird nicht aus purem Wasser bestehen. Frei nach dem Motto „Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein!“ leite ich für mich ab, dass ich nicht bei Wasser und Brot darben will, nur um statistisch gesehen vielleicht ein paar Monate länger zu leben – in denen ich ja dann weiter darben müsste. Nö, nö!

Die aktuelle Datenlage und das, was ich insgesamt herausgefunden habe, bestärken mich in dieser Einstellung.

Was ich aber in jedem Fall gelernt habe, ist, wie moderne Gesundheitskommunikation entgleist. Aus Unsicherheit wird Gewissheit. Aus Hinweisen werden Urteile. Aus komplizierten Daten werden simple Moralgeschichten.

Und irgendwo dazwischen sitzt dann der normale Mensch mit seiner Cola Zero und fragt sich, ob er gerade eine Kalorienfalle umgeht oder sich langsam in ein toxikologisches Paralleluniversum säuft.

Lasst euch nicht bekloppt machen, lebend ist hier noch keiner rausgekommen! 😉

 

Cheers!

Quellen und Links

ZDF, MaiThink X – Die Show: „Süßstoffe: Gesund oder gefährlich?“, ausgestrahlt am 8. März 2026, inklusive Quellenliste zur Sendung.

YouTube / MAITHINK X: „Krebs durch Süßstoffe?“, veröffentlicht am 8. März 2026.

– World Health Organization (WHO): Use of non-sugar sweeteners: WHO guideline, 15. Mai 2023.

– WHO / IARC / JECFA: Aspartame hazard and risk assessment results released, 14. Juli 2023.

– IARC: Summary of findings of the evaluation of aspartame, Juli 2023.

– EFSA: Aspartame topic page sowie Neubewertung mit ADI von 40 mg/kg Körpergewicht pro Tag.

– DKFZ / Krebsinformationsdienst: „Süßstoff Aspartam möglicherweise krebserregend“, 20. Juli 2023.

– BfR: Süßstoff Sucralose – Beim Erhitzen von Lebensmitteln können gesundheitsschädliche Verbindungen entstehen, 9. April 2019.

– BfR: Sucralose – Beim Erhitzen über 120 °C können sich gesundheitsschädliche Stoffe bilden, 26. Februar 2026.

– BfR: Alternativen zu Zucker: Wie viel Süßungsmittel steckt in Erfrischungsgetränken?, 7. Februar 2023.

2 Kommentare

  1. Andy

    Sehr gut Lars! Wieder was gelernt…… 🙂

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    • Larsi

      Merci mein Lieber! Das ist ein schönes Lob! ☺️

      Antworten

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