Ein ehrlicher Blick auf Herkunft, Moral, Gerbung und Alternativen – mit Werkbank-Perspektive.
Ich arbeite gern mit Leder – mit “echtem” Leder. Was ich besonders daran mag, ist die Haptik und der Geruch. Außerdem reizt mich, dass es eines der ältesten Materialien ist, die Menschen verarbeiten. Leder kann im Alltag zudem etwas, woran viele Alternativen scheitern: Es hält, es altert würdevoll (Patina statt Plastik-Peel-Off) – und es lässt sich pflegen und reparieren.
In den letzten Jahren habe ich immer mal wieder Anfragen bekommen, ob ich auch Sachen aus veganem Leder herstelle (Geldbeutel, Rucksäcke etc.). Eine extremere Frage war, ob ich ok finde, dass für mein Hobby Tiere getötet werden bzw. wie ich es zusammenbringe, mich auf der einen Seite im Tierschutz zu engagieren, auf der anderen Seite aber Tiere töten lasse, um meinem Hobby zu frönen.
Hinter der letzten Frage steht natürlich eine extreme Haltung. Gleich vorweg: eine Haltung die ich nicht teile.
Da ich aber die Diskussion nicht scheue und mir auch über meinen eigenen Standpunkt Gedanken mache (und gemacht habe), versuche ich in diesem Artikel die Thematik etwas aufzudröseln und möglichst sachlich zu betrachten.
Die Grundfragen laute daher:
Werden Tiere für Leder getötet?
Und wenn nicht: Ist Leder moralisch okay – oder nur schöngeredet?
Werden Rinder, Schweine oder Ziegen wegen Leder geschlachtet?
Die unaufgeregte Antwort lautet: In den allermeisten Fällen nein.
Die Häute fallen typischerweise als Nebenprodukt (By-Product/Co-Product) der Fleischwirtschaft an.
Bei Rind, Schwein und Ziege wird in der Regel nicht „für Leder“ geschlachtet – die Haut ist bei der Fleischgewinnung ohnehin vorhanden.
Und was passiert sonst damit? Dann wird es schnell unerquicklich: Entsorgung, Verbrennung, Deponie.
Kurz: Die Haut ist da – und sie sollte verarbeitet werden.
Die ehrliche Ergänzung: „Nebenprodukt“ heißt nicht automatisch „moralisch frei von Verantwortung“. Häute haben einen Marktwert.
Der ist im Vergleich zum Fleisch oft kleiner, aber er ist real. Deshalb bleibt Leder an die Tierhaltung gekoppelt: Wer Leder kauft, nutzt ein Produkt aus einem System, das Tiere tötet – auch wenn er nicht zusätzliches Schlachten auslöst.
Ich betrachte hier nur das Leder von Rindern, Schweinen und Ziegen, weil es die einzigen Ledersorten sind die ich verwende. Zudem sind das weltweit die am häufigsten verwendeten Lederarten.
Völlig anders sieht die Sache bei exotischen Ledersorten aus, zum Beispiel bei Schlangenleder etc. In diesen Fällen werden die Tiere, genau wie bei der Pelzgewinnung, meist nur wegen der Häute bzw. dem Fell gezüchtet (oder wild gefangen), gehalten und geschlachtet.
Das lehne ich aber ganz entschieden ab und würde Produkte aus solchen Ledern auch weder kaufen noch selbst herstellen.
Abgesehen von den grausamen Bedingungen, unter denen diese Materialien „gewonnen“ werden, sehe ich überhaupt keinen Sinn darin, diese zu verarbeiten. Einen technischen Vorteil haben sie nicht – ganz im Gegenteil. Hier geht es rein um die Optik und die kann man mittlerweile auch mit konventionellen Ledern nahezu perfekt imitieren.
Moralischer Kern: Abfallprodukt ist nicht automatisch Ausrede
Wenn man moralisch sauber argumentieren will, muss man zwei Dinge gleichzeitig aushalten können:
➜ Pro-Leder (wenn man Fleischproduktion als Realität akzeptiert):
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- Nutzung statt Wegwerfen: Wenn ohnehin geschlachtet wird, ist es konsequent, möglichst viel zu verwerten.
- Langlebigkeit & Reparierbarkeit: Ein guter Gürtel, eine Tasche oder ein Messerholster kann Jahrzehnte halten (extrem gute Nachhaltigkeit). Ich selbst nutze z.B. eine Ledertasche die weit über 50 Jahre alt ist (eher über 70). Versuch das mal mit einem anderen Material…
➜ Kritische Punkte, die man nicht wegwischen sollte:
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- Tierhaltung bleibt Tierhaltung. Leder ist nicht „neutral“, sondern Teil derselben Wertschöpfungskette.
- Umwelt- und Arbeitsbedingungen: Leder ist nur so gut wie die Gerberei, die es herstellt.
Meine Position ist deshalb: Leder kann moralisch vertretbar sein – aber nicht automatisch. Es wird vertretbar durch Transparenz, Standards, sinnvolle Nutzung (lange Lebensdauer) und verantwortliche Produktion.
Wie Leder entsteht: Wo die Musik spielt (und wo es stinken kann)
Ganz grob läuft es so:
1. Rohhaut/Schwarte fällt an.
2. Konservieren, reinigen, enthaaren.
3. Gerbung: Das Material wird stabilisiert, damit es nicht verrottet.
4. Färben, fetten, veredeln.
Bei der Gerbung unterscheiden sich zwei häufige Wege:
➜ Chromgerbung: Schnell, verbreitet, ergibt oft weiches und belastbares Leder. Kritisch wird es, wenn Chemikalien- und Abwasser-Management nicht sauber sind.
➜ Pflanzliche (vegetabile) Gerbung: Nutzt pflanzliche Gerbstoffe (Tannine), dauert oft länger und ergibt häufig festeres Leder mit toller Patina. Aber auch hier gilt: „pflanzlich“ ist nicht automatisch „impactfrei“. Es braucht dennoch Wasser, Energie und Prozesskontrolle.
Wichtig: In der EU ist Chrom(VI) in Lederartikeln mit Hautkontakt streng geregelt. Chromgerbung bedeutet nicht automatisch Chrom(VI) im Endprodukt – entscheidend sind Prozesskontrolle und Qualitätssicherung.
Wer genauer wissen will, wie eine vegetabile Gerbung funktioniert, kann sich hier ein interessanten Video aus der Reihe „Handwerkskunst“ ansehen.
Ich verwende zu 90% nur vegetabil gegerbtes Leder. Zum einen, weil ich es sehr viel schöner finde und zum anderen, weil es sich deutlich besser verarbeiten lässt (jedenfalls, wenn man alles von Hand fertigt (wie ich es tue)).
Was ist „veganes Leder“ eigentlich?
„Veganes Leder“ ist kein einzelnes Material, sondern ein Sammelbegriff für lederähnliche Materialien ohne Tierbestandteile. In der Praxis gibt es drei große Gruppen:
A) Kunststoffleder (PU/PVC) – der häufigste Fall
PU (Polyurethan) und PVC (Polyvinylchlorid) sind erdölbasierte Kunststoffe, meist als Beschichtung auf einem Textilträger. Vorteile: tierfrei, gleichmäßig, günstig, viele Designs. Nachteile: kann reißen/abblättern, ist schwer zu reparieren und bleibt am Ende Kunststoffabfall.
B) „Plant-based“ / „bio-based“ Alternativen – oft Hybrid
Viele Produkte mischen Pflanzenfasern oder -reste (z. B. Apfel, Ananas, Kaktus) mit Bindern und Beschichtungen – häufig wieder PU oder andere Polymere, damit es stabil und wasserfest wird. Klingt natürlicher, ist aber oft weniger „rein pflanzlich“, als das Marketing vermuten lässt.
C) Myzel-/Pilzmaterialien und neue Bio-Materialien
Spannend, innovativ, teilweise mit guten Ökobilanz-Potenzialen. Aber: Preis, Haltbarkeit und Skalierung sind noch die großen Fragezeichen.
Warum ich „veganes Leder“ nicht so gut finde – Werkbank-Edition
Ich habe damit gearbeitet – und ja: Ich bin nicht überzeugt. Nicht aus Trotz, sondern aus Praxisgründen:
➜ Kantenbearbeitung: Echtes Leder lässt sich kanten, polieren, burnishen. Kunstleder zeigt schnell Schichten, franst oder platzt.
➜ Alterung: Leder patiniert. PU kann nach einiger Zeit aussehen, als hätte es eine Midlife-Crisis.
➜ Reparatur: Leder kann man nähen, pflegen, nachfärben und flicken. Viele Kunstleder sind bei Schäden schlicht „fertig“.
Fairness halber: Tierfrei ist für manche das entscheidende Kriterium – und das ist legitim. Nur sollte man dann bitte nicht automatisch glauben, dass „vegan“ gleich „nachhaltig“ bedeutet.
Kauftipps:
Wenn du Leder grundsätzlich als Nebenprodukt akzeptierst, dann würde ich so vorgehen:
➜ Weniger kaufen – besser kaufen: Langlebigkeit schlägt Wegwerfware fast immer.
➜ Auf Standards und Transparenz achten: Entscheidend ist die Gerberei: Chemie-Management, Abwasserbehandlung, Arbeitsschutz. Audits/Zertifizierungen können ein brauchbarer Filter sein.
➜ Wenn „vegan“, dann Zutatenliste lesen: PU/PVC? Hybrid? Wirklich bio-basiert oder nur ein „Hauch Apfel“ im Kunststoff? Und vor allem: Wie haltbar ist das Produkt wirklich?
Fazit
Bei Rind, Schwein und Ziege wird in der Regel nicht wegen Leder geschlachtet – die Haut ist meist ein Nebenprodukt der Fleischgewinnung. Gerade deshalb kann es moralisch sinnvoller sein, sie hochwertig zu nutzen, statt sie als Abfall zu entsorgen.
Aber: Leder ist nicht automatisch „gut“. Entscheidend sind Herkunft, Haltungs-/Schlachtbedingungen (als Teil des Systems) und vor allem die Produktion in der Gerberei. „Veganes Leder“ ist häufig Kunststoff oder Hybrid: tierfrei ja – aber nicht automatisch langlebig oder ökologisch überlegen.
Meine Faustregel:
Qualität statt Quantität. Und: genau hinschauen, was wirklich drinsteckt.
Cheers!


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