Camele in der City

 

 

 

28. November 2025

Eine Anekdote aus dem stationären Einzelhandel – Al Bundy lässt grüßen!

 

Obwohl ich in 5 Minuten zu Fuß in die Fußgängerzone bin, gehe ich höchstens dreimal pro Jahr dort hin. Zum ‚Shoppen‘ quasi nie. Seit letztem Dienstag weiß ich wieder genau warum!

Ich bin um 19 Uhr mit einem Freund zum Essen in der Innenstadt verabredet. Ein paar Tage zuvor habe ich durch Zufall im Internet Schuhe entdeckt, die ich als Jugendlicher immer getragen habe. Davon hatte ich sicher 4 Paar (oder mehr) und ich habe sie geliebt. Ich bin ganz erstaunt, dass es sie nach fast 40 Jahren noch immer genau so gibt. Früher waren sie von Camel und hatten auch noch, genau wie die Zigaretten, das typische Tier als Logo. Das geht natürlich heute alles nicht mehr. 🙄 Heute heißt die Firma Camel active und ist natürlich völlig rauchfrei, dynamisch und gesund.

Sei’s drum! Hauptsache die Treter gibt es noch.

Da Schuhgrößen in etwa so verlässlich sind wie das irische Wetter, möchte ich sie gerne vor dem Kauf anprobieren und auch testen, ob sie mir an meinen Füßen immer noch gefallen.

Mir kommt in den Sinn, dass es in Trier doch irgendwo einen Camel (active, natürlich) Shop gibt. Aber wo? Ich befrage Mr. Google und bekomme 3 (!) Adressen: Fleischstraße, Brotstraße und (nein, nicht Käse-, Obst- oder Gemüsestraße) nochmal Brotstraße (in der ‚blauen Hand‘). Äääh? Ja gut, es geht ja hier um stationären Einzelhandel – die haben es wohl nicht so mit dem neumodischen Internet. Auch werden sehr unterschiedliche Öffnungszeiten angegeben. Aber was soll’s? Ich gehe einfach mal bummeln (will ja wegen meiner Verabredung sowieso in die Stadt) und unterstütze lokale Geschäfte – naja, lokale Großkonzern-Ketten?

Erste Anlaufstelle: Fleischstraße. Niete! Da ist der Laden nicht. Egal, die Brotstraße ist ja nur um die Ecke. Bingo! Da ist er (gegenüber der ‚blauen Hand‘). Ich betrete den Laden und bin der einzige Kunde. Schon auf den ersten Blick sehe ich, dass die einen Haufen Klamotten haben, die mir gefallen könnten: Pullis, Hemden, Jacken und noch mehr.

Die etwas ältere Verkäuferin kommt sofort auf mich zu und fragt, ob sie mir helfen könne.

Das folgende Gespräch war für mich so absurd, dass es sich mehr oder weniger Wort für Wort in mein Hirn gebrannt hat. Ich werde also versuchen es genau wiederzugeben:

Ich: „Bestimmt! Ich suche Schuhe, die es schon vor knapp 40 Jahren gab und die es scheinbar immer noch gibt. So Schnürschuhe mit Kreppsohle. Aus braunem Leder.“

Sie: (lachend) „Ich weiß genau was sie meinen! Die gibt es quasi schon immer. Kommen sie mit, ich zeig‘ sie Ihnen.“

Toll! Vielleicht sollte ich doch öfter mal wieder in Fachgeschäfte gehen. Das wissen die Mitarbeiter wenigstens Bescheid! Ich folge der Dame in den hinteren Teil des Ladens, dort ist die Schuhabteilung.

Sie greift das erste Exemplar, welches in exponierter Lage auf einem Regal steht und hält es mir hin.

Sie: „Bitte schön!“

Ich: „?????“ Ich halte – und das ist jetzt kein Witz – eine Stiefelette (naturgemäß ohne Schnürung) aus grauem Wildleder in der Hand. Hatte ich nicht erwähnt, dass ich einen Schnürschuh aus braunem… Egal, das Missverständnis hat sich ja schnell aufgeklärt!

Ich: (lachend) „Da haben wir uns wohl missverstanden! Moment, ich zeige Ihnen ein Foto von dem Schuh den ich meine.“

Ich öffne auf meinem Handy die Camel active Internetseite und zeige Ihr den Schuh.

Sie: „Ja, ja, das ist ja der Schuh!“

Ich: „Bitte? Wollen sie mich auf den Arm nehmen? Er hat weder eine Schnürung noch Kreppsohlen, noch ist er braun – Entschuldigung, aber das ist doch nicht mal die ART von Schuh die ich suche?!“ 

Sie: „Doch! Das hier ist das Modell von 2025. Der Schuh auf dem Foto ist das Modell vom letzten Jahr. Den haben wir natürlich nicht mehr, wir haben nur die aktuellen Modelle.“

Meine Synapsen drohen zu schmelzen! Ich: „Haben wir nicht vor einer Minute darüber gesprochen, dass es den Schuh den ich suche ‚quasi schon immer‘ gibt? Das waren doch Ihre Worte?“

Sie: „Ja sicher! Aber die sehen eben jedes Jahr ein bisschen anders aus. Gefallen Sie ihnen denn nicht?“

Ich: „NEIN! Absolut nicht! Ich bin doch nicht John Travolta! Und selbst wenn sie mir gefallen würden, sind es nicht die Schuhe, nach denen ich sie gefragt habe! Das Foto stammt von der Internetseite IHRER Firma und dort gibt sie ja offenbar noch! Sie wollen mir anscheinend irgendwas andrehen?“

Sie: (weise lächelnd) „Ja, das Internet… Da steht viel drin. Das sind die Schuhe, die wir nicht abverkauft haben. Die schicken wir zurück, wenn die neue Kollektion kommt. Da finden Sie aber nur noch Größen, die niemand braucht.“

Ich öffne die Größenauswahl auf der Internetseite und alle Größen sind verfügbar. Alle!

Als ich ihr das Handy hinhalte, damit sie sich selbst überzeugen kann, wirft sie einen kurzen Blick darauf und meint dann abschätzig: „Wie gesagt, im Internet steht viel geschrieben!“

Da ich so perplex bin, fehlen mir für einen Moment die Worte.

Sie: „Wollen sie die Schuhe jetzt anprobieren oder nicht? Wir machen gleich Feierabend!“

Ich: „Sicher nicht.“

Links der Schuh den ich wollte, rechts der, den sie mir andrehen wollte. Sehr Ihr da einen Unterschied? 🤔

 

Ich verlasse den Laden grußlos. Die ganzen anderen Sachen, die mich vielleicht interessiert hätten, schaue ich mir gar nicht erst an. Erstens ist ja gleich Feierabend und zweitens lasse ich mich ungern für dumm verkaufen – um nicht zu sagen ‚verarschen‘!

Die Trierer werden wissen, dass vor dem Laden ziemlich gammlige Sitzgelegenheiten aus dunkelgrün lackiertem Stahl stehen. Ich setze mich und muss erstmal eine rauchen… Dabei klicke ich auf zwei verschiedene Größen der Schuhe (die ich eigentlich gesucht habe) und bestelle sie. Zwei Tage später werden sie zu mir nach Hause geliefert, ich probiere sie an und schicke das Paar welches mir nicht passt, kostenfrei zurück. Fertig.

Gerne hätte ich den lokalen Einzelhandel unterstützt. Aber wie denn?

Ja, vielleicht war das ein Einzelfall. Aber dann erlebe ich in den letzten Jahren fast ausschließlich Einzelfälle. Völlig ahnungslose Verkäufer die einem (z.B. in einem ElektroFACHmarkt) den Text auf der Verpackung vorlesen. Größen, Farben oder ganze Artikel die nicht vorrätig sind. Erhöhte Preise. Mittlerweile absurd hohe Parkgebühren.

Ich habe selbst einige Jahre im Einzelhandel gearbeitet und auch meine Ausbildung in einem Handelsunternehmen absolviert. Auch weiß ich, dass die Läden Miete zahlen müssen, nicht alles vorrätig haben können, kein Personal mehr finden usw. Ferner ist mir klar, dass ich durch meine Einkäufe im Internet dazu beitrage, dass immer mehr Läden in Innenstädten schließen, es irgendwann nur noch anonyme Ketten gibt und dann vielleicht gar keine Ladengeschäfte mehr.

Das wird mir noch deutlicher, als ich am selben Abend noch durch die Stadt spaziere, da ich nun zu früh an bin für meine Verabredung. Was ich sehe, sind eine Unmenge an Barber-Shops, Optikern und Ramschläden.

Warum also sollte ich in die Innenstadt gehen? Mir fällt kein einziger Grund ein. Darum wird das auch bis auf weiteres der letzte Versuch gewesen sein. Schade.

Cheers!

Das könnte Dich auch interessieren…